DAS GESPRÄCH FÜHRTE
ANNE HÄHNIG

DIE ZEIT: Herr Carnet, was hat sich für Sie zuletzt verändert?

Frédérick Carnet: Ich bin im Frühjahr dieses Jahres von Frankreich nach Deutschland umgezogen, genauer gesagt nach Hohenstein-Ernstthal in Sachsen. Zuvor habe ich viele Jahre in Paris als Fotograf gearbeitet, vor allem für große Firmen und für Magazine. Aber ich wollte das alles nicht mehr, ich wollte aussteigen.

ZEIT: Wieso gerade Hohenstein-Ernstthal? Das ist ja eine Stadt mit 15 000 Einwohnern, die meisten Franzosen kennen nicht einmal Chemnitz.

Carnet: Na ja, das liegt vor allem daran, dass hier meine Freundin Christin lebt, sie ist Lehrerin. Ich habe sie 2013 auf dem Jakobsweg in Spanien getroffen.

Was hat sich verändert? (23)

Eines verbindet viele Leser der ZEIT im Osten: Sie haben außergewöhnliche Biografien. Denn sie leben in einer Region, die sich seit 25 Jahren grundlegend wandelt. Wandel macht Geschichten. Für sie soll in dieser Reihe Platz sein. Daher fragen wir ZEIT-Leser, was sich in ihrem Leben verändert hat.

Weitere Bilder von Frédérick Carnet finden Sie auf der Webseite des Fotografen: www.frederickcarnet.com

ZEIT: Sie waren beide Pilger?

Carnet: Ja, wir waren beide in derselben Richtung unterwegs und waren uns gleich sympathisch. Wir kamen zusammen. Deshalb bin ich zwei Jahre lang immer wieder nach Sachsen gereist.

ZEIT: Und, wie fanden Sie es?

Carnet: Wenn es mir nicht gefallen hätte in Sachsen, dann hätte ich auch nicht hierherziehen können. Aber es hat mir gefallen. Diese Region ist perfekt für Leute wie mich. Nicht nur, weil eine 80-Quadratmeter-Wohnung gerade mal 350 Euro Kaltmiete kostet. Es ist mehr als das. Es ist so schön leise hier. Ich habe endlich so eine Art Frieden gefunden.

ZEIT: Es ist leise?

Carnet: Für einen Pariser ist die deutsche Provinz sehr leise!

Diese und die folgenden Aufnahmen stammen aus verschiedenen von Carnets Foto-Serien; hier ein Motiv aus der Reihe »Jägerturm«

ZEIT: Wie haben denn Ihre Freunde reagiert, als Sie erzählten, dass Sie nach Sachsen gehen?

Carnet: Meine französischen Freunde finden das gut. Es ist eher so, dass ihr Deutschen überrascht seid. Ich hatte einen Kollegen in Düsseldorf, der mich fragte: Was zur Hölle willst du in Sachsen? Vielleicht gucken einige Westdeutsche so auf den Osten. Mein Blick ist ein anderer. Ich habe mich in dieses Land verliebt und glaube, dass vielen gar nicht klar ist, wie lebenswert es hier eigentlich ist.

ZEIT: Was gefällt Ihnen so gut?

Carnet: Zum Beispiel die Kleingärten. Die sind ja wirklich etwas sehr Deutsches. Als ich das erste Mal diese vielen Parzellen sah, da dachte ich: Das ist ja verrückt! Ich wollte dann auch liebend gern so einen Garten haben, Christin fand das super, sie hat beim Präsidenten der Kleingartenanlage Naturfreunde e. V. angerufen, der hatte eine riesige Parzelle frei: 375 Quadratmeter. Die haben wir direkt gepachtet.

ZEIT: Aber dort sind Sie die einzigen jüngeren Leute, oder?

Carnet: Nicht ganz, aber es stimmt: Die meisten anderen Vereinsmitglieder sind Rentner. Ich kann das verstehen, so ein Garten macht ja auch viel Arbeit. In diesem Sommer habe ich viele Tage damit zugebracht, die Beete komplett umzugraben. Keine Ahnung, was der Vormieter genau gemacht hatte, aber überall lagen Betonplatten, überall war Plastikkram und Gerümpel. Nun schaffe ich einen Permakulturgarten.

ZEIT: Was ist das?

Carnet: Ein Garten, der auf Nachhaltigkeit ausgelegt ist. Ich will Saatgut kaufen, das nicht künstlich gezüchtet wurde, außerdem will ich keine chemischen Produkte und Pestizide benutzen. Mein Traum ist, dass Christin und ich in zwei Jahren den Sommer über autark sind und kein Gemüse im Supermarkt kaufen müssen.

ZEIT: Sachsen ist in letzter Zeit in Verruf gekommen, weil Fremde hier angeblich nicht so freundlich empfangen werden.

Aus Carnets neuester Serie »Grenzsteine«, November 2016

Carnet: Oh, das habe ich in den Nachrichten gehört, ja. Aber ich selber hatte bislang keinerlei Probleme. Wobei ich mich noch ein bisschen ungut an meinen allerersten Tag in Deutschland erinnere. Da war ich mit Christin im Supermarkt, draußen auf dem Parkplatz stand eine Gruppe junger Männer, und Christin sagte zu mir: Ich hasse diese Typen. Das waren Neonazis. Aber seither habe ich keine mehr gesehen. Ich weiß, dass die meisten nichts mit denen zu tun haben wollen.

ZEIT: Was hat Sie an Ihrem Leben in Frankreich eigentlich so gestört?

Carnet: Um das Jahr 2011 herum war ich in einer echten und tiefen Lebenskrise. Ich wollte meinen Job nicht mehr, und ich war auch mit vielem anderen unglücklich. Gleich mehrere meiner Verwandten waren damals an Krebs gestorben. Ich erbte ein bisschen Geld, meine Schwester kaufte davon eine Wohnung, ich reiste für drei Monate nach Japan. Dort wollte ich die Natur fotografieren, auch die in Fukushima, dort, wo das Atomkraftwerk explodiert ist. Nach dieser Reise veröffentlichte ich meinen ersten Fotoband namens Nippon 2011. Und ich dachte: Das ist eine wirklich merkwürdige Welt, in der wir leben. Ich selber sah mich eher als Teil des Problems denn als Teil der Lösung. Ich beschloss auszusteigen.

ZEIT: Sind sich Deutschland und Frankreich nicht sehr ähnlich?

Carnet: Ich mag die Art, wie ihr Deutschen allen möglichen Problemen begegnet. Wenn ich mir anschaue, wie Deutschland mit den Flüchtlingen umgeht, dann wünschte ich, französische Minister kämen mal her und schauten sich das an. Ich empfinde die Deutschen als sehr korrekt, wenn es um das Grundsätzliche geht. Aber natürlich habt ihr auch eure Verrücktheiten. Diese Liebe zu den Autos ist zum Beispiel wirklich verrückt, fast alle Deutschen lieben offenbar Autos.

Noch ein Bild aus der Serie »Jägerturm«. In Frankreich sind die Hochsitze der Jäger eine Rarität, in Deutschland sind sie Legion und stehen wie Personen in der Landschaft herum, sagt der Fotograf

ZEIT: Haben Sie denn die legendäre deutsche Bürokratie schon näher kennengelernt?

Carnet: Na klar! Die Deutschen beschweren sich gern über ihre Verwaltung. Aber ganz ehrlich: Ihr seid die Verwaltungs-Champions! Das ist nicht nur ein Klischee. Das meiste läuft reibungslos. Ich musste mein Auto ummelden – es ist übrigens klein, hat Kratzer und, anders als das Auto meiner Freundin, keinen Namen – das lief unkompliziert. Ein kleiner Schock für mich war neulich ein Brief vom Landratsamt: »Glaubhaftmachung der Freizügigkeit im Bundesgebiet«.Was sich dahinter verbarg, war: Ich sollte mitteilen, was ich eigentlich in Deutschland mache. Man soll wohl nicht einfach so in Deutschland leben, sondern soll arbeiten. Deshalb bewerbe ich mich jetzt als Putzkraft.

ZEIT: Könnten Sie nicht als Fotograf arbeiten?

Carnet: Doch, aber ich will das nicht. Ich will kein Auftragsfotograf mehr sein. Aber ich fotografiere immer noch, nämlich das, was mir gefällt. Ich liebe die Wälder in Deutschland mit ihren riesigen Nadelbäumen. Manchmal fahre ich drei, vier Stunden mit dem Fahrrad durch den Wald, dort kann ich über alles nachdenken. Eine meiner Fotoreihen heißt Waldeinsamkeit, eine andere Jägerturm, dafür habe ich ungefähr 100 Hochsitze fotografiert.

ZEIT: Was ist Ihr Plan für die Zukunft?

Carnet: Ich wünsche mir, dass ich meine Bilder auch hier in Deutschland in Galerien und Kunstzentren ausstellen kann. Außerdem werden Christin und ich in einigen Monaten heiraten. Ich denke, wir werden die nächsten Jahre, wahrscheinlich Jahrzehnte, hier verbringen. Ich habe angefangen, Romane zu lesen, ich koche, ich mache den Haushalt. Im Grunde bin ich ein richtiger Hausmann. Gestern sah ich den ersten Schnee und dachte: Ja, ich bin in Deutschland!

Fotos: Frederick Carnet (»Selbstportrait« und 3 Motive aus den Serien »Jägerturm« (2) und »Grenzsteine«)